Lieber Herr Ranft, bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in den Beginn Ihrer akademischen Karriere. Welche Schwerpunkte haben Sie in Ihrem Studium gesetzt?

Mein Studium war nicht mit einem bestimmten Berufsziel verbunden geschweige denn mit der Idee, Professor zu werden. Ich wollte mich bilden und fühlte mich an der Universität vom Curriculumszwang der Schule endlich entbunden und empfand die Universität als Hort geistiger Freiheit und selbstbestimmten Lernens und Lebens – das habe ich weidlich genutzt und genossen, indem ich vieles andere und nicht nur Geschichte studierte. Ich fühlte mich darin gegenüber denen, die gleich nach der Schule in die berufsbildende Arbeitswelt eintauchten, sehr privilegiert. Dass die Studienzeit mit dem kalten Sachzwang zu einer konkreten Berufsentscheidung enden würde und ich allein dafür Verantwortung zu tragen hatte, war mir allerdings klar. Darüber hinaus war für mich als noch an der Schule politisch infiziertem Nach-68er die Studienzeit auch Ort hochschulpolitischen Engagements und kritischer Auseinandersetzung mit der Universität, was mir neben der Wissenschaft selbst auch die komplexe Verankerung dieser Institution in Staat und Gesellschaft nahegebracht hat und die Erschütterung angesichts vielfältigen Versagens der Politik auf diesem Feld.

Wann haben Sie entschieden, dauerhaft in der Wissenschaft zu bleiben?

Dass mein Weg am Ende dann in die Wissenschaft geführt hat und sich damit die Option auf eine Professur eröffnete, ist glücklichen Umständen zu verdanken. Mit fortschreitender wissenschaftlicher Qualifikation führte der Weg zudem in eine Alternativlosigkeit, denn spätestens als habilitierter Historiker galt man für vieles andere als »überqualifiziert«. Die glücklichen Umstände waren das Zutrauen und Vertrauen meiner akademischen Lehrer, die mich herausforderten und mir durch ihre Arbeit eine Vorstellung davon vermittelten, wie erfüllend eine so vielschichtige Aufgabe als Professor sein kann. Da ich wie gesagt nicht mit dem »Karriereziel Professor« an die Universität ging (diejenigen, die das schon früh und spätestens mit der Promotion als Ziel verkündeten, haben wir eigentlich nicht so recht ernst genommen und beschmunzelt), habe ich lange Zeit auch keinen Verantwortungsanspruch der Universität mir gegenüber im Blick auf eine berufliche Karriere gesehen.

Sie schildern Ihren Karriereweg zwar nicht als unbedingt von Anfang bis Ende durchgeplant, aber dennoch als relativ geradeaus führend. Welche Hürden mussten Sie nehmen?

Was ich als wissenschaftlicher Oberassistent und Vater zweier Kinder vielleicht nicht als Hürde empfunden, aber bedauert und zähneknirschend hingenommen habe, waren die beinharten Befristungsregelungen, die destruktiv gegenüber individuellen Herausforderungen bei der Planung und Handhabung von Familie und Beruf wirkten und gegen die anzukämpfen Kraft gekostet hat. Hier haben mich auch Freundschaften und die Familie »getragen«. Mit dem technischen Begriff »Karriereprozess«, den zu begleiten und betreuen Kollegen, Vorgesetzte und die Universität aufgefordert sein sollten (so verstehe ich Ihre Frage), hätte ich damals nichts anzufangen gewusst. Vielmehr erwartete ich von meinen akademischen Lehrern und kritischen Freunden, dass sie mir gegenüber meine wissenschaftliche Arbeit betreffend stets reinen Wein einschenkten, damit ich bei meinem Weg in den Beruf hinsichtlich zu treffender Entscheidungen Herr des Verfahrens bleiben und nicht in Selbstüberschätzung blind für mögliche Sackgassen an der Universität werden würde. Meinen ersten glücklichen Ruf an eine Universität als Professor habe ich dann als Beglaubigung meiner spät selbstbewusst empfundenen »Berufung« verstanden. Aber es hätte auch ganz anders kommen können; einen Anspruch auf eine Professur habe ich nie erhoben.

Wie schätzen Sie die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses heute allgemein ein?

Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Geisteswissenschaften ist in mancher Hinsicht schwerer geworden, was die Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere jedenfalls im engeren Sinne betrifft, denn in der Tat krankt die Universität an einer disproportionalen Stellenstruktur insbesondere dann, wenn man die politisch gewollte hohe Zahl von Promovenden in Graduiertenkollegs, Clustern, SFBs, Forschergruppen mit ihren zusätzlichen Postdoc-Programmen bedenkt, um nur einige der wichtigsten Förderformate zu nennen, die selbstverständlich Qualifikationsdruck in Richtung Habilitation und Professur erzeugen und entsprechende Karriereerwartungen der Betroffenen schüren. Diejenigen, die über die klassischen Assistenten- bzw. wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen ihren Weg zu gehen versuchen, sind dabei gefühlt wohl sogar in der Minderzahl.

Würden Sie dies auch in Ihrer eigenen Teildisziplin so sehen?

Bezogen auf die Epoche des Mittelalters als eines Teilfaches der Geschichtswissenschaft erkenne ich kaum Abweichungen vom allgemein beklagten Trend; allerdings mache ich die Erfahrung, dass unter Einbeziehung auch außeruniversitärer Forschungs- und Bildungseinrichtungen Mediävisten mit ihrem nach wie vor sehr spezifischen Qualifikationsprofil – jedenfalls diejenigen, die im Fach früh schon als Studierende herausstechen – immer noch ihren Weg machen. Ich kenne nur ganz wenige, die keinen Einstieg in einen sicheren – in weitestem Sinne – geisteswissenschaftlichen Beruf gefunden haben.

Wie schätzen Sie die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der heutigen Studienbedingungen ein?

Mit den heute durchgetakteten modularisierten Studiengängen im Rahmen von BA- und MA-Programmen lässt sich nicht mehr so studieren, wie meine Generation noch das Privileg hatte. Das bedauere ich, obgleich damit natürlich mehr Selbstverantwortung und Eigendisziplin gefordert war und immer wieder Unsicherheit über den (Leistungs-)Status im Studium im Blick auf den Studienabschluss zu überstehen war. Was damals weithin gefehlt hat, war eine in diesem Zusammenhang immer wieder geforderte verbindliche Verantwortung der Lehrenden für eine adäquate Beratung und Betreuung der Studierenden. Nicht zuletzt dieses Defizit hat dann zur heute mehr denn je beklagten Studienreform geführt. Ob die damit verbundenen Ziele erreicht wurden, wage ich zu bezweifeln. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Staat seine Universitätsreformen stets als Nullsummenspiel begriffen hat und die seit den 1970er Jahren sogenannte Überlastlüge bei weiter wachsenden Studierendenzahlen bis heute weitertreibt.

Studierende sind die eine Seite, das wissenschaftliche Personal die andere. An welchen »Schrauben« könnte die Politik drehen, um bessere Bedingungen zu erreichen?

Die eben beschriebenen Studienbedingungen hängen eng mit der prekären Stellensituation an den Universitäten zusammen. Eindeutige Lösungen des Problems als Patentrezept sehe ich nicht. Die Juniorprofessur, wie sie einmal angedacht war, ist aus bekannten Gründen gescheitert. Auch die Idee der Heisenberg-Professur scheint mir nicht der Königsweg zu sein, sollte aber unbedingt als Chance zur Lösung besonderer Fälle erhalten bleiben. Der Vorschlag der Jungen Akademie, der sich vornehmlich am System der vereinigten Staaten orientiert, hat manches für sich, blendet aber aus, dass wir es dort mit einer ganz anders aufgestellten und hierarchisierten Universitätslandschaft zu tun haben, die ich mir für Deutschland nicht vorstellen kann; man sollte aber weiter in diese Richtung nachdenken. Drängender und viel wichtiger, um die prekären Nöte der Universitäten anzupacken, wäre die auf die heutigen Verhältnisse angepasste Einlösung des jahrzehntelangen Überlastversprechens der Politik, das heißt eine deutliche und dauerhafte Verbesserung der Grundausstattung, bei deren Umsetzung auch das Verhältnis von Dauer- und Befristungsstellen neu justiert werden könnte. Einhergehen müsste diese Maßnahme mit einer Neuformulierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, das den Universitäten mehr Flexibilität bei der Beschäftigung des wissenschaftlichen Nachwuchses erlaubte, ohne damit in die Falle massiver Einklagungswellen zu tappen. Denn Letzteres würde der nachfolgenden Generation die Chance auf wissenschaftliche Nachwuchsstellen verbauen.

Vielen Dank!

Porträtbild Andreas Ranft
Andreas Ranft

Andreas Ranft habilitierte sich an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 1991 im Fach Mittlere und Neuere Geschichte. Nach Lehrstuhlvertretungen an der HU Berlin, Greifswald und Köln wurde er 1999 auf die Professur für Geschichte des Mittelalters am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen.