Sie haben seit 2001 einen Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. War dieser Weg für Sie seit dem Studium vorgezeichnet?

Einen festen Entschluss, an der Universität zu bleiben, habe ich vor meinem ersten Ruf nicht gefasst, aber ich hatte dieses Ziel schon während des Studiums als besonders erstrebenswerte Möglichkeit vor Augen, habe jedoch immer meinen Plan B, Lehrer zu werden, im Blick gehabt. Der Grund war eben, dass ich meine Situation als äußerst prekär empfunden habe.

Haben Ihre akademischen Lehrer Sie auf diese Situation vorbereitet, Sie betreut?

Mein Doktorvater hat mir früh deutlich gemacht, in welchem Maße Rufe von kontingenten Umständen abhängen. Betreut werden wollte ich nie, aber beraten, und dafür habe ich immer – durchaus wechselnde – Ansprechpartner gefunden.

Wenn Sie den Blick auf den heutigen akademischen Nachwuchs richten. Wie würden Sie dessen Situation beschreiben?

Es gibt heute an vielen Instituten eine sehr gute Infrastruktur; Internationalität ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden, fächerübergreifende Zusammenarbeit ebenfalls. Das schafft ein anregendes Umfeld. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist allerdings heutzutage sehr viel stärker unter Druck als zu meiner Zeit: Die (teils allerdings nur gefühlte) Erwartung, dass man schon frühzeitig Drittmittel einwerben und Konferenzen veranstalten solle, dazu die weitaus höhere administrative Belastung bei den Lehraufgaben führen dazu, dass konzentriertes Arbeiten an einem zweiten Buch, das immer noch die besten Möglichkeiten für eine wissenschaftliche Karriere eröffnet, erschwert werden. Überdies hat der Ausbau der Drittmittelprojekte die Zahl der potenziellen Bewerber erheblich steigen lassen. Zugleich ist so eine Unwucht im Bewerberfeld entstanden: Drittmittelprojekte ermöglichen gewöhnlich raschere Publikationen als etatisierte Landesstellen mit ihren vielfältigen Aufgaben. Allerdings lernt man gerade auf etatisierten Stellen den Alltag des Universitätslebens kennen, die Vielfalt von Aufgaben, die praktisch gleichzeitig bewältigt werden müssen, sodass diejenigen, die wenigstens zeitweise eine solche Stelle innegehabt haben, gewöhnlich besser geeignet sind, eine Professur innezuhaben.

Unterscheidet sich die Alte Geschichte vom allgemeinen Trend?

Kaum. Es ist in meinem Bereich keineswegs aussichtslos, eine Professur anzustreben, aber es ist schwieriger als zu meiner Zeit; nach wie vor dauert es viel zu lange, bis junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Sicherheit über ihre berufliche Zukunft haben. Andererseits habe ich den Eindruck, dass sich allmählich mehr Möglichkeiten eröffnen, einen Plan B zu verfolgen, etwa durch den Ausbau von Wissenschaftsorganisationen, aber auch weil die Qualifikationen von Postdocs (typischerweise Internationalität, Lehrerfahrung, qualitätvolle Arbeit unter Zeitdruck, Eigenständigkeit) stärker ins Bewusstsein von potenziellen Arbeitgebern rücken. Wenn das tatsächlich der Fall ist, bedeutet zwar der Übergang von Nachwuchswissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlerinnen in außeruniversitäre Bereiche immer noch einen Verlust für die Universität, aber einen Gewinn für andere Bereiche der Gesellschaft.

Auf der Grundlage dieser Zustandsbeschreibung, welche Veränderungen würden Sie vorschlagen, um die Situation für den Nachwuchs zu verbessern?

Mir scheint es geboten, die Freiräume für den Nachwuchs zu erweitern, etwa durch mit öffentlichen Mitteln geförderte Forschungssemester. Berufungskommissionen sollten sich nicht allein vom jungen Alter der Bewerberinnen und Bewerber mit reinen Drittmittelkarrieren beeindrucken lassen, sondern auch darauf achten, ob sie auf etatisierten Stellen die Realität des Universitätslebens, die Notwendigkeit des Multitaskings (s. o.) kennengelernt haben. Die Einführung von Dauerstellen im Mittelbau ist auch aus gesamtuniversitärer Sicht sinnvoll, sie sollte aber allmählich geschehen, damit es nicht eine Generation von Begünstigten gibt und die Späteren das Nachsehen haben. Ausschreibungen von Professuren, die ihre Einordnung als W1, W2, W3 je nach Bewerberlage zulassen (aber mit Tenure und Aufstiegsmöglichkeiten, falls niedrig besetzt), könnten dazu beitragen, die unterschiedliche Qualität von Alterskohorten, die ich schon oft beobachtet habe (ohne die Gründe zu kennen) auszugleichen. Ferner sollten mehr Möglichkeiten geschaffen werden, dass Nachwuchsleute nach Familienphasen wieder zurückkehren und dass sie während der Familienphase etwa durch Miniverträge den Kontakt zum Institut pflegen können. Universitäten sollten sich nicht zuletzt in der Pflicht sehen, Nachwuchsleute beim »Exit« aus der Wissenschaft zu unterstützen.

Vielen Dank!

Porträtfoto Hartmut Leppin
Hartmut Leppin

Hartmut Leppin habilitierte sich 1995 an der FU Berlin im Fach Alte Geschichte. Nach einer Lehrstuhlvertretung in Greifswald erhielt er 2001 den Ruf an die Goethe-Universität Frankfurt. 2015 wurde er mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG ausgezeichnet.