Martin Schulze Wessel

Die Lage an den deutschen Hochschulen ist, auch in den Geisteswissenschaften, in vielerlei Hinsicht gut: Der Spezialisierungsgrad der Forschung ist hoch, Forschungsmittel stehen durch die nationalen und europäischen Förderinstitutionen in beträchtlichem Maße zur Verfügung, und man kann an fast allen deutschen Universitäten wieder gebührenfrei studieren. Im Vergleich mit vielen anderen europäischen Ländern erscheint die Situation der Hochschule in Deutschland durchaus komfortabel.

Trotzdem liegt vieles im Argen. Abgesehen von der Vernachlässigung der Lehre gegenüber der gezielten Förderung von Forschung zum Beispiel in der Exzellenzinitiative betrifft dies vor allem die Situation der sogenannten Nachwuchswissenschaftler, die in Deutschland in der Regel erst mit etwa 40 Jahren eine dauerhafte Arbeitsperspektive erhalten – wenn sie sie erhalten. Dieser Missstand ist mit allen seinen Konsequenzen für die Betroffenen schon oft formuliert worden: Er bedeutet persönliche Unsicherheit, oft sehr späte Entscheidungen bezüglich Familiengründung, gegebenenfalls den äußerst schwierigen Umstieg in einen nicht akademischen Beruf nach dem 40. Lebensjahr. Angesichts dieser Situation ist der Begriff des »wissenschaftlichen Nachwuchses«, der junges Alter und ein organisches Hinüberwachsen von der Ausbildung in den Beruf suggeriert, euphemistischer Hohn. Es geht dabei nicht nur um ein Problem für den akademischen Mittelbau, sondern um einen Missstand im System, der auch die fest angestellten Professorinnen und Professoren betrifft. Sie haben sich für die prekären Lebensläufe ihrer Assistentinnen und Assistenten mitverantwortlich zu fühlen, sie sehen sich gezwungen, Drittmittelprojekte für sie einzuwerben, und sie werden von einer Flut von Anfragen für Gutachten und Empfehlungsschreiben überrollt. Für das Hochschulsystem als Ganzes schließlich ist es ein großer Verlust, wenn ein beträchtlicher Anteil der jahrzehntelang mit viel Geld geförderten jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Ende für Forschung und Lehre verloren gehen.

So gut das deutsche Hochschulsystem finanziell ausgestaltet ist, so sehr krankt es an seiner Stellenstruktur. Es leidet an einem Missverhältnis zwischen Grundfinanzierung und Projektfinanzierung, zwischen Dauerstellen und zeitlich befristeten Nachwuchsstellen. Das ist der Kern des Problems, daraus entstehen alle weiteren Folgen: Zu spät fällt die Entscheidung, wer eine dauerhafte Aussicht auf Beschäftigung hat und wer nicht. Weitere Konsequenzen sind der Zwang zum Schreiben von Drittmittelanträgen, bei denen oftmals weniger das wissenschaftliche Interesse als der Alimentierungsaspekt im Vordergrund steht, und die übergroße Zahl von Gutachten, die von Hochschullehrern zur Empfehlung oder zur Beurteilung von Projekten des Nachwuchses abzugeben sind. Nicht zuletzt resultiert auch die Chancenungleichheit von Frauen und Männern im Hochschulberuf aus den skizzierten Missständen. Damit ist die ganz normale Situation diagnostiziert, nicht deren Auswüchse, die es selbstverständlich auch gibt: zum Beispiel Juniorprofessuren, die von Hochschulleitungen mit hohen Drittmittelerwartungen ausgeschrieben werden, ohne dass eine Stelle für die eventuelle Verstetigung der Professur hinterlegt würde.

Der deutsche Historikerverband hat sich mit diesen Fragen in den letzten Jahren mehrfach auseinandergesetzt: Auf dem Göttinger Historikertag fand ein Panel mit Vertretern des Bundesforschungsministeriums, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Hochschulrektoren statt. Eine Verbandstagung in Berlin über die Perspektiven des Mittelbaus diskutierte im Juli 2014 verschiedene Lösungsansätze. Eine weitere VHD-Veranstaltung in München brachte im Januar 2015 den Präsidenten der DFG, Peter Strohschneider, den Wissenschaftsminister Bayerns, Ludwig Spaenle, und den hochschulpolitischen Sprecher der Jungen Akademie, Cornelis Menke, über die Stellenstruktur an deutschen Universitäten ins Gespräch.

Mittlerweile hat sich einiges getan: Im Dezember 2014 lockerte der Bundesrat das Kooperationsverbot für Bund und Länder bei der Hochschulfinanzierung. Im März 2015 kündigte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka auf einem Kongress des Deutschen Hochschulverbandes an, in einem gemeinsamen Programm mit den Ländern »Tenure-Track-Stellen in großem Umfang als sicheren Karriereweg« an den Unis auszubauen,1 und jüngst hat das Bundeskabinett eine Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes beschlossen.2 Damit sind die Spielräume für Reformen erheblich größer geworden.

Diese Ausgabe des VHD Journals ist der Frage gewidmet, welchen Weg Hochschulpolitik einschlagen sollte. Es geht nicht um eine einseitige Interessenvertretung für den wissenschaftlichen Nachwuchs, schon gar nicht einer bestimmten Generation dieser Gruppe. Vielmehr steht die Frage im Vordergrund, mit welchen Instrumenten die Unwucht im System korrigiert werden kann.

Frankfurt am Main IG Farben Haus: Goethe-Universität
Frankfurt am Main IG Farben Haus: Goethe-Universität

Reformerfahrungen

Die Fragen werden nicht zum ersten Mal gestellt, und es sind schon einige    Antworten   ausprobiert worden. Die Juniorprofessur war ein Versuch, die  Entscheidung über die wissenschaftliche Laufbahn nach den üblichen Wettbewerbsbedingungen einer Ausschreibung in den Zeitraum nach dem Abschluss der Promotion zu verlagern. Das hätte funktionieren können, wäre die Juniorprofessur zum gängigen Modell geworden, hätten Hochschulleitungen mit der Ausschreibung einer Juniorprofessur regelmäßig eine Tenure-Track-Option eröffnet. Das ist in den meisten Fällen nicht der Fall gewesen, sodass die Juniorprofessur an ihrer miserablen Realisierung gescheitert ist: Der Inhaber / die Inhaberin einer Juniorprofessur trägt mit hohem Lehrdeputat, Gremienarbeit und   Drittmittelforschung alle Belastungen einer regulären Professur und muss sich zugleich durch ein zweites Buch ausweisen. Es gibt ein kompetitive Auswahlverfahren wie bei regulären Dauerprofessuren, aber meist keine langfristige Perspektive. In vielen Fällen habilitieren sich Juniorprofessoren, obwohl die Abschaffung der Habilitation eines der Ziele der Einführung der Juniorprofessur war.

Ein anderes vielversprechendes Instrument bilden das Heisenberg-Stipendium und die Heisenberg-Professur, womit die DFG für sehr gut habilitierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Weg in eine Professur ebnen will. Die Idee ist bestechend: Wer ein Heisenberg-Stipendium einwirbt, kann mit Unterstützung einer Hochschule bei der DFG einen Antrag auf Einrichtung einer Professur stellen. Im Erfolgsfall finanziert die DFG diese Professur für fünf Jahre unter der Bedingung, dass die Heimat-Universität des Bewerbers die Professur nach Ablauf der DFG-Förderung übernimmt. Nicht unerhebliche DFG-Mittel könnten so in die Finanzierung von Forschung und Lehre an den Universitäten fließen. Um den Preis allerdings, dass ein reguläres kompetitives Auswahlverfahren für eine Professur umgangen wird und die Entscheidung über eine Professur weniger in einer Fakultät als vielmehr in einem entsprechenden Fachkollegium der DFG fällt. Diesen Preis zahlen die Universitäten meist nicht.

Es gibt in unserem Fach viele Heisenberg-Stipendiaten, aber kaum Heisenberg-Professuren. Ein ähnliches Modell der Kombination von personen- und institutionenbezogener Förderung stellt auch die 2002 eingeführte Lichtenberg-Professur der VolkswagenStiftung dar. Empfänger der Förderung sind promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit einer Hochschule ihrer Wahl ein von der Stiftung unterstütztes Tenure Track vereinbaren, das eine langfristige Finanzierung durch die Universität der Wahl voraussetzt. Die Realisierungsprobleme sind ähnlich wie bei der Heisenberg-Professur, zudem werden nur sieben Professuren pro Ausschreibung vergeben.

Mehrere Hochschulen haben in den vergangenen Jahren ihre eigenen universitären Tenure-Track-Modelle etabliert.3 Diese setzen aber bei befristeten W2-Professuren an und fördern den Aufstieg zu verstetigten W3-Professuren. Der Einstieg in die W2-Professur hängt allerdings von den fachspezifischen Eingangsvoraussetzungen ab, und die heißt für die Geisteswissenschaften weiterhin: Habilitation oder habilitationsäquivalente Leistung.

Eine wichtige Rahmenbedingung für die Karrieren des wissenschaftlichen Nachwuchses ist das 2007 verabschiedete Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das den Abschluss befristeter Arbeitsverträge des wissenschaftlichen Nachwuchses vor der Promotion bzw. nach der Promotion auf sechs Jahre beschränkt.4 De facto hat sich das Gesetz zum wichtigsten formalen Befristungsgrund entwickelt. Die positiven Ziele der Gesetzgebung, für Wissenschaftskarrieren klare Befristungsregeln zu schaffen, sind jedoch, wie der Historikerverband bereits 2012 deutlich machte, verfehlt worden. Vielmehr ist das Gesetz selbst zu dem rein formalen und willkürlich gehandhabten Grund für die meisten Befristungen von Nachwuchsstellen geworden. Vor allem in der außeruniversitären Forschung hat sich die Befristung von Arbeitsverträgen zu einem Fetisch entwickelt, der durch höhere Flexibilität zu mehr Effizienz führen sollte, womit in der Regel mehr Drittmittelprojekte gemeint sind. Schon auf ein einzelnes Institut bezogen ist es mehr als fragwürdig, ob dieses Kalkül langfristig aufgeht; für das Gesamtsystem der Wissenschaft oder auch eine einzelne Disziplin ist dieser Ansatz verheerend. Befristungen sind für die Qualifizierungsphase sicher nötig, aber sie sollten nicht formal, sondern mit einem qualifizierten Grund – dem Sachgrund der Qualifizierung – ausgesprochen werden.5

Reformentwürfe

Verschiedene Vorschläge für die Veränderung der Stellenstruktur und der Berufungswege an deutschen Hochschulen liegen auf dem Tisch. Nach welchen Kriterien sind sie zu bewerten? Ein Kriterium ist die frühere Planbarkeit der wissenschaftlichen Karriere. Der Entscheidungszeitpunkt über die Hochschulkarriere sollte von 41 Jahren – so das durchschnittliche Einstiegsalter bei Berufungen auf W2-Professuren heute – möglichst um zehn Jahre gesenkt werden. Ein anderes Kriterium ist die wissenschaftliche Qualität. Diese ist in einem System möglicherweise höher, das zwischen der Qualifikationsstufe der Promotion bzw. der Habilitation einen Ortswechsel, das heißt die Bewerbung auf eine Stelle an einer anderen Hochschule, vorsieht. Die damit verbundene Mobilität muss zum Gesichtspunkt der früheren Planbarkeit von wissenschaftlichen Karrieren nicht im Gegensatz stehen.

Das Tenure-Track-Modell ist, so wie es bereits jetzt an einigen Universitäten erprobt wird, mit vielen Mobilitätsauflagen verbunden, die vermeiden sollen, dass der Weg von Dissertation bis zur verstetigten W3-Professur eine Kultur der Hausberufungen fördert. Das von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka ins Spiel gebrachte Tenure-Track-Programm des Bundes und der Länder wird daran zu messen sein, ob es das Einstiegsalter in den wissenschaftlichen Beruf tatsächlich herabsetzt, das heißt Stellen mit Tenure-Track-Option nach der herausragend abgeschlossenen Promotion vorsieht. Unklar ist auch, wer die Bewerberinnen und Bewerber auswählen soll – deren Heimatuniversität oder eine andere Universität, die Stellen mit Tenure-Track-Option mit Hausberufungsverbot ausschreibt.

Einen strukturverändernden Entwurf hat die Junge Akademie vorgelegt. Ausgehend von der Beobachtung, dass in Deutschland nur ein Drittel der Stellen verstetigt sind, schlägt die Junge Akademie einen Umbau der Stellenstruktur vor. Durch die Umwidmung von Lehrstuhlassistentenstellen in W3-Stellen und Juniorprofessuren könnte, so die Berechnung der Jungen Akademie, die Zahl der Professuren in Deutschland verdoppelt werden. Diese radikal erscheinende Umstellung könnte im Verlauf von Dekaden geschehen, sodass nicht eine Generation des wissenschaftlichen Nachwuchses einseitig bevorzugt würde. Im Ergebnis würde die Stellenstruktur dem amerikanischen Muster ähnlich, mit zwei Dritteln fest angestellter und einem Drittel befristet Beschäftigter. Strukturveränderungen durchzusetzen ist viel schwieriger, als befristete neue Programme aufzulegen. Aber es ist der große Vorteil des Programms, dass es kostenneutral ist und an den Qualitätsstandards der Berufung grundsätzlich nichts ändert. Die Juniorprofessur mit Hausberufungsverbot würde zum Regelfall, das Einstiegsalter in die planbare wissenschaftliche Karriere erheblich gesenkt.6

Eine Alternative ist das französische System des Maître de conférences. Nach erfolgreicher Promotion, für die man sich in Frankreich wie auch in England primär mit Blick auf eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, gibt es die Möglichkeit, sich auf verbeamtete Stellen zu bewerben, auf diesen zu habilitieren und dann eine Professur anzustreben. Die Planbarkeit ist auf diesen Stellen durch das Beamtenverhältnis sehr hoch, zugleich sind die Ausstattung und die Bezahlung sehr sparsam. Durch den Ruf an eine andere Universität – das heißt durch externe Qualitätskontrolle – kann beides, die Ausstattung und das Gehalt, verbessert werden. Dieses Modell verbindet beides: frühe Planbarkeit der wissenschaftlichen Karriere für die besten Doktoranden und Qualitätsanreize durch die Möglichkeit, mit der Bewerbung an eine andere Universität bessere Bedingungen für sich und die eigene Forschung zu erlangen.

Die Liste der möglichen Reformvorbilder ließe sich verlängern. Wir – der Vorstand und der Ausschuss des Historikerverbandes – wollen mit diesem Heft zur Debatte um die Reform der Hochschule und speziell um die Rolle des akademischen Mittelbaus einladen. Wir haben Autorinnen und Autoren dafür gewonnen, ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Wenn Sie einzelne Artikel oder das gesamte Heft kommentieren, Argumente weiterführen oder ihnen widersprechen möchten, so haben Sie dazu die Gelegenheit auf unserem neuen Blog, den Sie unter → http://blog.historikerverband.de/ finden. – Martin Schulze Wessel

1          http://www.bmbf.de/de/Wanka-Nachwuchswissenschaftler.php, abgerufen am 2.9.2015.
2          http://www.bmbf.de/press/3846.php, abgerufen am 2.9.2015.
3          http://www.tum.de/die-tum/arbeiten-an-der-tum/berufungen/tum-faculty-tenure-track/; http://www.uni-muenchen.de/forschung/nachwuchsfoerderung/tenure_track/index.html
4         http://www.gesetze-im-internet.de/wisszeitvg/BJNR050610007.html
5          Siehe dazu: Cornelius Richter, Gert G. Wagner, Keine Befristung ohne qualifizierten Grund, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.4.2015, S. N4.
6          http://www.diejungeakademie.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Personalstruktur_2013.pdf

 

Prof. Dr. Martin Schulze Wessel
Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

Martin Schulze Wessel wurde 2001 an der Universität Halle habilitiert und erhielt 2003 einen Ruf an  die   Ludwig-Maximilians-Universität München auf die Professur für Geschichte Osteuropas. Er ist Sprecher der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, Erster Vorsitzender des Collegium Carolinum, Sprecher des Internationalen Graduiertenkollegs »Religiöse Kulturen des 19. und 20. Jahrhunderts« sowie des Elitestudiengangs »Osteuropastudien«. Seit 2012 ist er Vorsitzender des VHD.