Wann haben sich für Sie die Weichen gestellt, einen wissenschaftlichen Berufsweg einzuschlagen?

Nach der Promotion wusste ich nicht, ob ich tatsächlich im Wissenschaftsbetrieb bleiben will. Um Zeit zu gewinnen, hatte ich erfolgreich ein DFG-Projekt beantragt und anschließend eine Stelle an einem SFB bekommen. Erst als ich 2003 zum Juniorprofessor berufen worden bin, war mir klar, dass ich in der Wissenschaft bleiben würde.

Wie schätzen Sie Ihre persönliche Situation ein?

Als prekär habe ich meine Situation bislang nicht empfunden, da ich zwar nach wie vor nur befristete Stellen bekomme, aber mit jeweils einer längeren Perspektive.

Wenn man den Blick weitet und den wissenschaftlichen Nachwuchs im Ganzen betrachtet: Wie steht es um ihn?

Da durch all die »Exzellenz«-, SFB- und GK-Projekte immer mehr Doktoranden produziert werden, die lernen, Anträge zu schreiben, dürfte sich der Druck auf die Nachfolge von Professoren erhöhen. Und da der Befristungswahn eher zu- als abnimmt – das betrifft nunmehr selbst Professuren –, wird sich der Konformitätsdruck weiter erhöhen. Der unsinnige Zwang, ökonomisch verwertbare Kennziffern zu produzieren (Publikationsausstoß, Drittmitteleinwerbung, »internationale Sichtbarkeit« usw.), wird der intellektuellen Kreativität ebenfalls nicht dienlich sein. Das ist in der (Zeit-)Geschichte nicht anders als in anderen Fächern, wobei wir ja noch von einer radikalen Ökonomisierung der Wissenschaft wie in Großbritannien, Schweden und anderen Ländern verschont sind. Aber wir arbeiten, so scheint mir, erfolgreich und freiwillig daran, aufzuholen.

Haben Sie einen Vorschlag, an welchen »Schrauben« man drehen müsste, um eine Verbesserung herbeizuführen?

Idealerweise sollte es für Promovierende befristete Stellen geben, und dann, für die wirklich guten Nachwuchswissenschaftler, Entfristungen. Entscheidend wäre dabei Flexibilität. Der Deutsche Hochschulverband beispielsweise propagiert ein »Y-Modell«, bei dem man sich mit der Promotion quasi irreversibel zwischen Professur und »wissenschaftsunterstützenden Berufsbildern« entscheiden muss. Im Extremfall (Abitur »G8« und »Fast-track-Promotion« vorausgesetzt) würde das eine Entscheidung mit 24 Jahren, ohne größere Lebenserfahrung und ohne sich ausprobiert zu haben, bedeuten. Das führt den in Deutschland beliebten Gedanken der möglichst frühen und endgültigen Selektion fort und scheint mir völlig unsinnig.

Stattdessen sollte man sich an skandinavischen Modellen orientieren und Stelle sowie Tätigkeitsprofil entkoppeln. Das würde heißen, dass Promovierte mit einer Stelle bedacht werden und sich dann entwickeln können. Wer besonders qualifiziert ist, legt eine habilitationsadäquate weitere Arbeit vor und hat dann die Chance, eine Professur zu erhalten. Andere forschen analog zum französischen Chargé de recherche, wieder andere widmen sich der Verwaltung oder Lehre. Man könnte sich an jeder Stelle seiner Biografie entscheiden, ob man es nun doch versucht mit der habilitationsadäquaten Leistung, wohl wissend, dass das nicht notwendig zu einer Professur führen muss. Man kann sich aber auch durch die Einwerbung von Drittmitteln für ein Forschungsprojekt freikaufen und später in den alten Dienstaufgabenplan zurückkehren. Man kann wahlweise mehrere Jahre die Lehre oder die Forschung forcieren, oder sich eben für die »wissenschaftsunterstützenden« Aufgaben entscheiden. Solche Entscheidungen wären immer revidierbar – entsprechende Qualität vorausgesetzt.

Dieses Modell würde sich strikt nach der Qualifikation und der Lebensplanung von Wissenschaftlern richten, statt deren Laufbahnplanung geradezu unerbittlich an fixe biografische Punkte und Stellenbeschreibungen zu binden. Dann hätten auch originelle Köpfe, die manchmal zeitintensive Umwege gehen oder auch einmal scheitern, eine Chance, in der Wissenschaft zu bleiben, ohne (sofort) Professor werden zu müssen.

Vielen Dank!

Porträtbild Thomas Etzemüller
Thomas Etzemüller

 

Thomas Etzemüller hat sich 2010 im Fach Neuere und Neueste Geschichte habilitiert. Ab Herbst 2015 tritt er eine DFG-Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg an. Zuvor war er Juniorprofessor, Heisenberg-Stipendiat, Gastwissenschaftler und Vertretungsprofessor in Oldenburg, München, Tübingen, Berlin und Potsdam.