Frau Spakowski, Sie sind seit 2010 Professorin für Sinologie an der Universität Freiburg. Bitte geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Karriereverlauf.

Meine eigene Karriere verlief für damalige Verhältnisse klassisch, von der wissenschaftlichen Hilfskraft über die wissenschaftliche Mitarbeiterin zur wissenschaftlichen Assistentin an ein und demselben Lehrstuhl. Ich hatte durchgehend eine Anstellung bzw. Aussicht auf eine solche und somit keinen Anlass, meine Situation als prekär zu empfinden. Die bewusste Entscheidung für die Wissenschaft traf ich dann quasi mit den ersten Bewerbungen auf Professuren und Juniorprofessuren, ungefähr Mitte dreißig.

Gab es eine Spezifikation, die für Sie besonders förderlich war?

Für den Übergang auf die Professur war meine Doppelqualifikation als Historikerin und Sinologin sehr hilfreich. Ich habe Geschichte und Sinologie jeweils im Hauptfach studiert, in Sinologie mit einem historiografiegeschichtlichen Thema promoviert und mich schließlich in beiden Fächern habilitiert. Es standen mir somit prinzipiell zwei Stellenmärkte offen. Nach elf Jahren Beschäftigung im Fach Sinologie an der FU Berlin hatte ich für sechs Jahre eine Professur für Außereuropäische Geschichte an der Jacobs University Bremen inne, bevor ich vor knapp fünf Jahren die Sinologieprofessur in Freiburg antrat. In Freiburg sind wir übrigens derzeit drei China-Historiker/-innen in der Sinologie und Geschichte, die diese Doppelqualifikation aufweisen und zwischen den Fächern gewechselt haben.

Wie schätzen Sie die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses heute ein?

Ganz generell hat die extreme Zunahme an Promotionsstellen in Verbundprojekten und Graduiertenkollegs den Konkurrenzdruck deutlich erhöht. Es besteht mittlerweile bereits zu Studienzeiten die Tendenz, Dinge für das »CV« zu tun und nicht aus intrinsischer Motivation. Mobilität an sich, und insbesondere Stationen im Ausland, sind zu einem wichtigen Qualitätskriterium in Berufungsverfahren geworden. Hohe Anforderungen an die Flexibilität und Mobilität sowie kurze Beschäftigungsfristen gelten allerdings nicht nur für die Wissenschaft, sondern für viele Berufsfelder. Die prekäre Lage der Nachwuchswissenschaftlerinnen und wissenschaftler hat somit auch eine »systemische« Dimension außerhalb des Systems Universität.

Gibt es auch positive Seiten aufzuzählen?

In jedem Falle wäre hier die Internationalisierung von Karrieren zu nennen: Sie erweitert den Wissens- und Erfahrungshorizont, und für manche erweist sich die Dauerstelle im Ausland dann tatsächlich nicht als Verlegenheitslösung, sondern als die bessere Option.

Wenn Sie den Blick nun auf Ihre eigene Teildisziplin richten, welche Einschätzung würden Sie hier geben?

Die Situation in der außereuropäischen Geschichte hat sich innerhalb des Faches Geschichte kaum geändert. Die Teildisziplin bleibt am Rande angesiedelt, und entsprechend wenig Stellen werden ausgeschrieben. Der zwischenzeitliche Boom der Globalgeschichte hat innerhalb der Disziplin die Offenheit gegenüber außereuropäischen Regionen gestärkt, aber eher im Sinne ihrer Beziehungen zum Westen, also vor allem als Kolonialgeschichte. Darüber hinaus ist für die Stellensituation und Qualifizierungsstrategien nicht unerheblich, wo die außereuropäische Geschichte vorrangig disziplinär angesiedelt ist – in der Geschichte oder in den Regionalwissenschaften – und wie viel Aufmerksamkeit eine bestimmte Region in der Öffentlichkeit genießt. Letzterer Faktor hängt mit dem aktuellen Weltgeschehen zusammen und beeinflusst sowohl die Nachfrage nach Studienplätzen als auch die Bereitschaft von Ministerien und Universitätsleitungen, Stellen zu der jeweiligen Region einzurichten.

Aus der regionalwissenschaftlichen Perspektive stellt ein historischer Schwerpunkt ein Risiko dar, weil er fast zwangsläufig auf eine wissenschaftliche Karriere hinausläuft, wohingegen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit einem Profil in den Bereichen Ökonomie oder Politik leichter auch auf Bereiche außerhalb der Wissenschaft ausweichen können.

Wie geht Ihre Universität mit den Problemen um?

Die Universität Freiburg setzt in der Behebung der Probleme des Nachwuchses bewusst auf Juniorprofessuren mit Tenure-Track-Option, die in eine W3-Stelle überführt werden. In meinem eigenen Institut wurde eine solche Stellenbesetzung und vorzeitige Entfristung unlängst vorgenommen, und es haben sich dabei auch die Vorteile für das Institut selbst gezeigt: Ein ausgezeichneter Nachwuchswissenschaftler konnte durch die Aussicht auf Tenure in Freiburg gehalten werden, und er hat sich bereits in der »Bewährungsphase« für das Institut als sein langfristiges Umfeld engagiert, anstatt an seiner Attraktivität für andere Institute zu arbeiten. Das geringere Lehrdeputat der Juniorprofessur stellt allerdings ein Problem dar.

Welche Defizite, aber auch Vorteile sehen Sie im heutigen Wissenschaftssystem?

Der Angelpunkt der Probleme des Nachwuchses ist das Missverhältnis zwischen dem relativ großen Angebot an Stellen in der frühen Qualifizierungsphase und der geringen Zahl der Professuren in einer Disziplin. Maßnahmen zur frühen Planbarkeit sind dabei auf jeden Fall wichtig, und Juniorprofessuren mit Tenure sind meines Erachtens ein sehr gutes Instrument, um den Besten früh eine dauerhafte Perspektive zu vermitteln. Damit ist aber noch keine Lösung für alle anderen gefunden, die langfristig keine Professur erhalten werden. Darüber hinaus sehe ich nicht nur Probleme bei den Strukturen und Instrumenten, die den Karriereverlauf des Nachwuchses formen, sondern auch in der Praxis derjenigen, die Qualifikationsarbeiten bewerten, Stellen vergeben und gegenüber dem Nachwuchs weisungsbefugt sind. Unter Kolleginnen und Kollegen hat das Modell einer langen Qualifizierungsphase in Abhängigkeit von einem Lehrstuhl weiterhin seine Anhänger, und eine Praxis der Ausbeutung ist nicht selten. Seilschaften in den Teildisziplinen sorgen dafür, dass eben nicht allein Qualität über die Aussicht auf eine Professur entscheidet. Und von einer ernsthaften Kultur auswärtiger Begutachtung, die internationalen Standards gerecht wird, ist Deutschland weit entfernt. All dies trägt dazu bei, dass die Chancen auf eine Dauerstelle letztendlich nicht berechenbar sind und die Entscheidung für oder gegen eine wissenschaftliche Karriere zu spät getroffen wird.

Vielen Dank!

Porträt von Nicola Spakowski
Nicola Spakowski

Nicola Spakowski wurde 2006 an der FU Berlin in den Fächern Sinologie und Geschichte habilitiert. Ihre Arbeit befasste sich mit »Revolution, Militär, Geschlecht. Militärische Partizipation von Frauen in der kommunistischen Revolution Chinas, 1925–1949«. Von 2004 bis 2010 war sie Professorin für »History and Chinese Studies« an der Jacobs University Bremen. Seit 2010 ist sie Lehrstuhlinhaberin für Sinologie an der Universität Freiburg.