Die Universität Münster ist seit 1997 Mittelpunkt Ihrer Forschung und Lehre. Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Karriereverlauf.

Ich habe nie systematisch geplant, Hochschullehrerin zu werden; das hat sich mehr oder weniger einfach so ergeben. Nach dem Staatsexamen bot mir mein damaliger Prüfer eine Mitarbeiterstelle an, weil gerade eine frei war. Nach der Promotion kamen meine zwei Kinder zur Welt. Ich hatte eine kurze Kinderpause und bekam anschließend ein Wiedereinstiegsstipendium des Landes NRW, sodass ich mich habilitieren konnte. Mit 30 Jahren habe ich promoviert (1985), mit 39 wurde ich habilitiert (1994), mit 42 bekam ich meinen ersten Ruf an die WWU Münster (1997), wo ich gern geblieben bin.

Haben Sie diese Schritte geplant?

Ich hatte keine Karrierestrategie, sondern war optimistisch und hatte Glück. Die Bedingungen waren allerdings auch erheblich günstiger als heute, weil nach der Wende ein großes Berufungskarussell in Gang gekommen war. Allerdings war es entscheidend für mich, dass mein Mann es immer für selbstverständlich gehalten hat, dass wir beide berufstätig sind und auch beide die Kinder großziehen.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Flexibilität, eine gewisse Sicherheit, das sind Schlagworte, die in der heutigen Diskussion um den wissenschaftlichen Nachwuchs immer wieder fallen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Ich stimme der Diagnose von Martin Schulze Wessel voll und ganz zu. Das Kernproblem des Mittelbaus – das ist ja überhaupt kein Geheimnis – besteht in dem extrem ungünstigen Verhältnis zwischen Grundfinanzierung und Projektfinanzierung. Hinzu kommen die fatale Sechs-Jahres-Regel und die Abschaffung unbefristeter Mittelbaustellen für die Lehre. Allerdings sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen: Viele Kolleginnen und Kollegen beteiligen sich an der Ausbeutung von Nachwuchsleuten als Lehrkräfte für besondere Aufgaben – mit extrem hohen Lehrdeputaten, aber ohne Perspektive. Und insgesamt sind wir alle immer noch zu wenig immun gegen die absurde Quantifizierungslogik: Bei Berufungsverfahren werden die Publikationen der Bewerber gezählt (!); jeder Projektmitarbeiter glaubt, seine eigene Tagung veranstalten und natürlich auch publizieren zu müssen und so weiter – die Phänomene, die das Hamsterrad sinnloser Beschleunigung in Gang halten, sind ja allgemein bekannt und werden von allen beklagt, aber niemand traut sich, als Erster auszusteigen. Die Nachwuchsleute leiden am meisten unter dieser verschärften Wettbewerbsdynamik, die zudem extrem familienfeindlich ist.

Sehen Sie diesen Trend in Ihrer Disziplin, der Geschichte der Frühen Neuzeit, auch so stark oder eher etwas schwächer?

Die Abteilungen für die Geschichte der Frühen Neuzeit sind derzeit akut von Stellenschwund bedroht. Das verschlechtert hier die Lage für den wissenschaftlichen Nachwuchs zusätzlich. An mehreren Universitäten sind die Stellen mit anderen Teildisziplinen (etwa Landesgeschichte oder Geschlechtergeschichte) zusammengelegt oder heruntergestuft worden. Und das, obwohl die Frühneuzeitgeschichte als Verbindung zwischen Mediävistik und Neuester Geschichte eine wichtige Scharnierfunktion hat und (zum Beispiel in SFBs) sehr integrativ wirken kann.

Wie kann dieser Trend aufgehalten werden?

Es gilt ein ausgewogeneres Verhältnis herzustellen zwischen dem notwendigen wissenschaftlichen Wettbewerb nach strengen Qualitätskriterien einerseits und einer gewissen Erwartungssicherheit der akademischen Karriereplanung andererseits. Das Nadelöhr sollte meines Erachtens die Promotion sein. Durch die Exzellenzinitiative ist bekanntlich viel Geld ins System gekommen und hat viele zum Promovieren verlockt. Es ist nicht sinnvoll, dass alle diese Promovierten in der Wissenschaft bleiben, nur weil es zunächst vielleicht bequemer erscheint, sich auf prekäre Projektkarrieren einzulassen und später auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen mehr zu haben. Hier sollten also strenge Maßstäbe angelegt werden. Für die, die sich durch eine wirklich herausragende Promotion qualifiziert haben, sollten dann allerdings zuverlässigere akademische Karrierewege offenstehen – vor allem durch Umwandlung von Mitarbeiterstellen in W1-Stellen mit Tenure-Option, aber auch durch einen gewissen Anteil an unbefristeten Stellen für die Lehre.

Vielen Dank!

Barbara Stollberg-Rilinger
Barbara Stollberg-Rilinger

Barbara Stollberg-Rilinger hat sich 1994 an der Universität zu Köln im Fach Neuere Geschichte habilitiert, wo sie 1996 eine Hochschuldozentur antrat. 1997 erhielt sie einen Ruf auf die Professur für Frühe Neuzeit an der Universität Münster, wo sie auch heute noch lehrt. 2005 erhielt sie den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG.