Stephan Lessenich

»Das akademische Leben ist also ein wilder Hazard«, wusste schon Max Weber in Wissenschaft als Beruf zu berichten: »Wenn junge Gelehrte um Rat fragen kommen wegen ihrer Habilitation, so ist die Verantwortung des Zuredens fast nicht zu tragen.« Dass Weber hier mal wieder eine scheinbar zeitlos gültige Wahrheit des sozialen Lebens an- und ausgesprochen hat, darf zwar als ein weiterer Mosaikstein seines fraglos gerechtfertigten Nachruhms gelten, macht die Sache für die heutigen Gelehrten allerdings nicht besser. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn Martin Schulze Wessel in seinem Einführungstext zu diesem VHD Journal darauf hinweist, dass der strukturelle Missstand der institutionellen Karriereorganisation im deutschen Hochschulsystem »mit all seinen Konsequenzen für die Betroffenen schon oft formuliert worden« ist, so zeugt die Tatsache, dass dies auch schon vor nunmehr bald 100 Jahren der Fall war, von einer geradezu deprimierenden Stabilität der akademischen Verhältnisse hierzulande.

Allerdings wird man – auch wenn dies anmaßend scheinen mag – Weber in einem Punkt korrigieren oder jedenfalls qualifizieren wollen: Der Zufall, den er als zentrales Moment der Handlungsbedingungen des akademischen »Nachwuchses« sieht, ist ein durchaus strukturierter. Es sind benennbare Strukturen, die das »Schicksal« junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bestimmen, die ihnen die Hoffnung individual- und familienbiografischer Erwartbarkeit und Planbarkeit rauben, die den »Zufall« zum sicheren Begleiter ihres akademischen Lebens machen. Dass dieses Leben sich für diejenigen, die sich der Wissenschaft verbunden fühlen und verpflichten wollen, als ein unkalkulierbares Glücksspiel darstellt, in dem man ebenso gut reüssieren wie man an ihm scheitern kann, ist eben kein Zufall. Es ist politisch gewollt und institutionell verbürgt.

Die institutionelle Einrichtung des deutschen Hochschulwesens produziert systematisch biografische Ungewissheit, führt engagierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Zweifel ins betriebliche Aus und ins qualifikatorische Nirwana. Während auf der einen Seite massive Anreize für die quasi-industrielle Produktion von Promovierten gesetzt werden, wird auf der anderen eine Stellenstruktur aufrechterhalten, in der die Zahl an Professuren künstlich verknappt wird. Und das Ganze wird garniert mit einem Arbeitszeitvertragsrecht, das Befristungskarrieren – häufig der einzige Ausweg aus dem strukturellen Ungleichgewicht zwischen Hochschullehrerstellenangebot und -nachfrage – verhindern möchte. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist das Bulmahn-Mal einer vermutlich hirn-, sicher aber gedankenlosen Hochschulpolitik.

Und doch sind Strukturen nicht alles – sie sind nur die eine Seite der Misere. Denn Strukturen wirken nicht von selbst, sondern allein durch die darin Handelnden. Diese wiederum sind zwar in ihrem Handeln von den Strukturen geprägt – aber man wird nicht sagen können, dass ihnen keinerlei Spielräume alternativen Verhaltens blieben. Das gilt für die »Betroffenen«, die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, denen durchaus Organisationsformen offenstehen, um ihr »Schicksal« zu beeinflussen – bei allen bekannten Strukturproblemen kollektiven Handelns im wissenschaftlichen Feld. Es gilt aber insbesondere auch für diejenigen, denen der Zufall in die Karten gespielt hat, denen das Glück irgendwann gnädig war, die es also auf die andere Seite jener Straße geschafft haben, die an den Hochschulen das Prekariat vom Professoriat trennt.

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© zisko/Photocase.de

Zugegeben: Es ist nicht so, dass Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen die Strukturbedingungen wissenschaftlicher Beschäftigung einfach ignorieren könnten. Und keineswegs jede/-r Inhaber/-in einer Professur ist in der Position, über ein Stellenreservoir zu verfügen, das die konsequente Vergabe von Vollzeit- oder gar Dauerstellen ermöglichen würde. Nicht alle können – aber jeder und jede könnte: Jede/-r universitäre »Arbeitgeber/-in« könnte jedenfalls ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es ein kollektives Ziel sein müsste, sich für die Qualität und Sicherheit wissenschaftlicher Beschäftigung einzusetzen. Nicht selten scheinen Berufene die am eigenen Leib erfahrenen Nöte der biografischen Unsicherheit schlicht zu vergessen oder aber zu verdrängen, sobald sie einmal die Professur ergattert haben – wenn sie nicht gar eben diesen Erfolg vorrangig ihren besonderen Kompetenzen und Qualifikationen zuschreiben, statt ihn als ein immer auch kontingentes Ergebnis des akademischen Glücksspiels zu werten.

Strukturen werden durch das Handeln der Leute reproduziert – das Wissenschaftssystem ist diesbezüglich keine Ausnahme. Wer etwas am akademischen Beschäftigungs- und Karriereregime ändern möchte, der und die muss daher anfangen, das Spiel überall dort, wo es in der eigenen Macht steht, nicht mehr mitzuspielen, den wilden Hasard zu durchkreuzen. Man kann und sollte das bestehende Regulativ kritisieren, an Frau Wanka appellieren und über die Trägheit der Politik lamentieren. Doch man sollte darüber tunlichst den eigenen Akteursstatus nicht vergessen. Und dabei die Kampfzone gleich ausweiten.

Denn es ist ja nicht so, dass das Lehrstuhlprinzip gottgegeben wäre oder auch nur hochschulrechtlich erzwungen würde. Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer an einem Institut könnten durchaus übereinkommen, die ihnen persönlich zugeordneten wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen untereinander zu poolen und einer koordinierten Bewirtschaftung zu unterwerfen, die auf die Ermöglichung von Vollzeitbeschäftigung und die Gewährleistung von Beschäftigungskontinuität zielt – statt darauf zu warten, dass »die Politik« irgendwann einmal den Stellenkegel reformiert. Und wenn sie schon dabei sind, könnten sie auch gleich gemeinsam übereinkommen, dass die Habilitation ein anachronistisches Instrument oligarchischer Herrschaft im Wissenschaftsfeld darstellt und daher nicht durch eigenes Zutun am Leben erhalten werden sollte. Solange die Habilitation nicht offiziell abgeschafft ist, wäre es durchaus möglich, die eigene Rekrutierungspraxis in Berufungsverfahren schlicht nicht länger am Nachweis der Kandidaten und Kandidatinnen zu orientieren, sich einer organisationalen Prozedur unterzogen zu haben, deren disziplinierende und machtdemonstrative Effekte eigentlich allen Beteiligten bekannt sein dürften.

Ja, es gibt systemische Zwänge. Doch auf ihre Existenz zu verweisen sollte nicht zum bequemen und wohlfeilen Handlungsersatz werden. Max Weber hat in der Durchrationalisierung sämtlicher Lebenssphären das Signum der modernen Gesellschaft erkannt – dem Wissenschaftsbetrieb aber, seinem eigenen Handlungsbereich, hat er die Rationalität jedenfalls der wissenschaftlichen Qualifikationsproduktion und -verwertung abgesprochen. 100 Jahre Modernisierungsgeschichte später sollten sich die Akteure des Wissenschaftssystems nicht so gerieren, als würden sie in einem stahlharten Gehäuse politisch-bürokratischer Hörigkeit operieren. Eine andere akademische Lebenswelt ist möglich. Man muss sie allerdings auch wirklich wollen. – Stephan Lessenich

Porträt Stephan Lessenich
Stephan Lessenich

Stephan Lessenich hat sich 2002 im Fach Soziologie habilitiert und 2004 einen Lehrstuhl für Soziologie mit dem Schwerpunkt Vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse an der Universität Jena erhalten. Seit 2014 ist er Professor für Soziologie an der LMU München mit dem Schwerpunkt Soziale Entwicklungen und Strukturen. Seit 2012 ist er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.