Fabian Krämer

Dass es Mut erfordert, sich für eine akademische Laufbahn zu entscheiden, ist nicht neu. Ungewöhnlich ist hingegen die Intensität, mit der die Situation des »wissenschaftlichen Nachwuchses« in Deutschland derzeit innerhalb wie außerhalb des akademischen Betriebs diskutiert wird.1 Diese Chance sollte von Seiten der Geschichtswissenschaft genutzt werden; denn der Weg hin zur Professur ist nicht nur traditionell schwierig, sondern zusätzlich in nie dagewesenem Maße unübersichtlich. Das Zusammentreffen beider Faktoren hat das Potenzial, das Wissenschaftssystem insgesamt zu schädigen.

Tradition hat die lange Phase der beruflichen Unsicherheit

Wie von Martin Schulze Wessel im Editorial erwähnt, entscheidet sich weiterhin meist erst um das 40. Lebensjahr, ob ein »junger« Historiker2 eine entfristete Stelle erhalten wird. Diese Beobachtung war bereits einer der Gründe für die Einführung der Juniorprofessur, wie sie im Hochschulrahmengesetz von 2002 verankert wurde. Neu ist die Diversifizierung der Qualifikationswege. Die Habilitation gilt meist noch als Goldstandard. Es haben sich aber u. a. mit Juniorprofessur und Nachwuchsgruppenleitung alternative Qualifikationswege etabliert. Die resultierende Vielfalt hat die Probleme in der Praxis vorläufig noch verschärft. Die FAZ-Redakteurin Heike Schmoll argumentiert zu Recht, dass sie nur dann zu einem Vorzug für das deutsche Wissenschaftssystem werden könne, »wenn die Fächer sich auch tatsächlich darauf verständigen, welche Qualifizierungswege die für sie günstigsten sind und welche sie zu fördern gedenken.«3 Bis dahin wird es für promovierte Geisteswissenschaftler schwer absehbar bleiben, ob sie nach alter Herren Sitte habilitieren, sich auf Juniorprofessuren bewerben oder eine Nachwuchsgruppe einwerben sollten, um sich so gute Chancen zu erarbeiten, eine der wenigen Professuren zu ergattern.

Jeder der genannten Qualifikationswege hat spezifische Vor- und Nachteile. Die Assistentenstelle hat im akademischen System der deutschsprachigen Länder traditionell einen wichtigen Platz, anders als in vielen anderen Ländern. Der Blick von außen ist aufschlussreich: Die vergleichsweise abhängige Position des Assistenten oder Mitarbeiters ruft etwa unter britischen Kollegen ebenso verlässlich Kopfschütteln hervor wie die Tatsache, dass man sich in Deutschland mit gleich zwei Qualifikationsarbeiten als Forscherin bzw. Forscher ausweist, um spät – wenn überhaupt – mit der Professur durch eine feste Stelle belohnt zu werden, die ausgerechnet der Forschung nur noch geringen Raum bietet. Für Assistenz und Mitarbeiterstelle spricht andererseits, dass sie es erlauben, einen Wissenschaftler systematisch auf eine Professur vorzubereiten – in der Forschung ebenso wie in der Lehre und der universitären Selbstverwaltung. In welchem Maße dies geschieht, hängt allerdings in hohem Maße davon ab, wie ernst der Lehrstuhlinhaber seine Verantwortung nimmt.

Die Juniorprofessur soll ein höheres Maß an Selbstständigkeit bieten, hat aber in der gegenwärtigen Praxis ebenfalls Schwachpunkte. Einer betrifft das Tenure-Verfahren: Juniorprofessuren werden meist ohne Entfristungsoption ausgeschrieben;4 die Stelleninhaber müssen daher nach Ablauf der Juniorprofessur mit (häufig habilitierten) Kollegen um Professuren konkurrieren. Zweitens sind bei Juniorprofessuren mit Tenure-Option die Kriterien, die für eine Entfristung zu erfüllen sind, oft unzureichend transparent und das Verfahren entsprechend unberechenbar. Drittens ist die Selbstständigkeit manches Juniorprofessors stark eingeschränkt. Viele Juniorprofessoren sind nicht mit den Vollprofessuren vergleichbaren Rechten und Pflichten ausgestattet; auch fehlt es nicht selten an den für selbstständiges Forschen notwendigen Ressourcen.5 Was Wunder, dass sich Juniorprofessoren in den Geisteswissenschaften meist weiterhin habilitieren.6 Damit beißt sich die Katze aber, wissenschaftspolitisch gesprochen, in den Schwanz, und die Juniorprofessur ist, gemessen am ursprünglichen Ziel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die Habilitation überflüssig zu machen, ad absurdum geführt.

Auch die Nachwuchsgruppenleitung soll frühzeitige Selbstständigkeit ermöglichen. Nach einer Vergleichsstudie erreicht sie dieses Ziel stärker als die Juniorprofessur.7 Aber auch sie ist nicht frei von Unwägbarkeiten. Sie betreffen einmal mehr die Frage der Äquivalenz der Qualifikationswege: Ob eine Berufungskommission die Leitung einer Nachwuchsgruppe als einer Habilitation gleichwertig einstuft, entscheidet sich von Fall zu Fall. Und so kann es einem Nachwuchsgruppenleiter zum Nachteil gereichen, dass er sich als Forschungsorganisator und -manager bewiesen hat, statt sich auf das Schreiben einer Habilitation zu konzentrieren. Da Nachwuchsgruppenleiter mit wenigen Ausnahmen keine Tenure-Option haben, ist dies in ihrem Fall besonders schwerwiegend. Der bereits erwähnten Vergleichsstudie zufolge war der Anteil derjeniger, die davon ausgingen, keine Habilitation schreiben zu müssen, 2004 unter den Nachwuchsgruppenleitern deutlich geringer als unter den Juniorprofessoren.8

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© Jason Auch

Und so muss man sich als promovierter Geisteswissenschaftler in Deutschland wie auf     Eisschollen fühlen: Der vormals feste Boden des alten akademischen Systems, in dem nur die Habilitation die Lehrerlaubnis erbrachte, ist angetaut und brüchig geworden. Ein neuer verlässlicher Zustand hat sich noch nicht eingestellt, sodass es derzeit noch schwieriger ist als gewohnt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man hat nur die Wahl, sich auf diese oder auf jene Eisscholle zu retten, die Assistenz, die Juniorprofessur oder die Nachwuchsgruppenleitung – in der Hoffnung, dass sie einen ans sichere Ufer tragen möge. Wie attraktiv eine Wissenschaftlerkarriere in Deutschland derzeit angesichts dieser Unwägbarkeiten gerade auch für Kollegen anderer Nationen sein mag und was das für die Chancen der Geschichtswissenschaft bedeutet, sich weiter zu internationalisieren, kann man sich leicht ausrechnen.9

Was könnte der Weg aus dieser Misere sein? Zwei Vorschläge

Die im internationalen Vergleich sehr lange Phase der beruflichen Unsicherheit sollte durch eine anteilige Erhöhung der Zahl unbefristeter Stellen bzw. solcher mit Tenure-Option verkürzt werden.10 Damit würde sich das akademische System auf der Ebene der Personalstruktur Systemen in Frankreich, Großbritannien und den USA annähern, die einen weit höheren Anteil unbefristeter Stellen aufweisen,11 und an Attraktivität gewinnen.

Es sollte geklärt werden, wie die erwähnten Qualifikationswege in Berufungsverfahren zueinander in Beziehung gesetzt werden. Das könnte konkret wie folgt aussehen: Ein Nachwuchsgruppenleiter oder Juniorprofessor, der sich auf eine Professur in der Geschichtswissenschaft bewirbt, muss neben der Promotion »nur« eine bestimmte Anzahl an international wahrnehmbaren Publikationen vorlegen, um mit den Habilitierten gleich zu ziehen. So könnte die zusätzliche organisatorische, Gremien- und Betreuungsarbeit seiner bisherigen Stelle gewürdigt werden. An Fakultäten, deren Habilitationsordnung kumulative Habilitationen ermöglichen, dürfte eine solche Lösung umso einfacher vermittelbar sein.

Erst wenn auf die Gleichwertigkeit der Qualifikationswege Verlass ist, wird ein promovierter Wissenschaftler seinem Profil gemäß das für ihn richtige Werkzeug wählen können. Der Qualität seiner Forschung könnte das nur guttun. Hat er etwa ein Forschungsprojekt entwickelt, das sich für eine Bearbeitung in der Gruppe aufdrängt, könnte er auf die Einwerbung einer Nachwuchsgruppe setzen und sich auf diesem Wege für eine entfristete Stelle qualifizieren. Fehlt es ihm an Erfahrung in der Lehre und / oder universitären Selbstverwaltung, könnte er sich stattdessen auf Assistentenstellen und Juniorprofessuren bewerben, um seine Wissens- und Qualifikationslücken zu schließen. So könnte die Vielfalt der Qualifikationswege ihre Stärke voll entfalten.

Die Geschichtswissenschaft sollte diese Diskussion jetzt führen. Wenn hingegen erst einmal »jede Hochschule und jede Universität […] die für sie geeigneten Personalentwicklungskonzepte finden«12 müsste, wie von Heike Schmoll vermutet, könnten sich zwar einzelne von ihnen durch geschicktes Employer Branding hervortun. Aber die Situation des »Nachwuchses« bliebe, wie sie ist: selbst für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich schwierig. – Fabian Krämer

1          Für diese Beobachtung danke ich Alexandra Petrovic. Weiterer Dank für Anregungen und Kritik geht an Cornelis Menke, Kärin Nickelsen, Anette Schlimm und Viktoria Tkaczyk.
2          Im Folgenden bezeichnet das generische Maskulinum aus Gründen der besseren Lesbarkeit und begrenzten Zeichenzahl Männer und Frauen gleichermaßen.
3          Heike Schmoll, Ein Lob der Vielfalt: Karrierewege zur Professur, Forschung und Lehre 5 (2015), S. 254–356; hier: S. 356. Ähnlich konstatiert der Wissenschaftsrat: »Die Vielfalt möglicher Berufsverläufe zur Professur stellt sich aus der Perspektive junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im In- und Ausland oftmals als unübersichtlich dar.« Wissenschaftsrat, Empfehlungen zu Karrierezielen und -wegen an Universitäten (Drs. 4009-14), S. 22; http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4009-14.pdf; zuletzt abgerufen am 13.6.2015.
4          Bis 2007 waren 12–18 % der Juniorprofessuren mit einer Tenure-Option ausgestattet. Siehe Gero Federkeil und Florian Buch, Fünf Jahre Juniorprofessur: Zweite CHE-Befragung zum Stand der Einführung, Arbeitspapier Nr. 90, Mai 2007; http://www.che.de/downloads/CHE_Juniorprofessur_Befragung_AP_90.pdf; zuletzt abgerufen am 13.6.2015.
5          Frühzeitig aufgezeigt wurden diese Probleme von Jörg Rössel, Katharina Landfester und Ulrich Schollwöck, Die Juniorprofessur: Eine Bilanz ihrer Umsetzung, AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie, Juli 2003.
6          Siehe ebd. 2013 enthielten 14 Landeshochschulgesetze eine Regelung, der zufolge die Juniorprofessur einer Habilitation äquivalent sei; siehe Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013: Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland, Bielefeld 2013, S. 72.
7          Jörg Rössel, Katharina Landfester, Die Juniorprofessur und das Emmy-Noether-Programm: Eine vergleichende Evaluationsstudie, AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie, September 2004.
8          Ebd.
9          Zur fehlenden Attraktivität des deutschen akademischen Systems aus Sicht von jungen Wissenschaftlern anderer Nationen (aber auch aus Sicht junger deutscher Wissenschaftler) vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen zu Karrierezielen und -wegen an Universitäten, S. 27.
10       Der Wissenschaftsrat wie auch die AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie haben jüngst entsprechende Empfehlungen vorgelegt. Siehe ebd. sowie Cornelis Menke et al., Nach der Exzellenzinitiative: Personalstruktur als Schlüssel zu leistungsfähigen Universitäten, AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie, November 2013.
11       Siehe Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013, S. 80–87.
12       Schmoll, Ein Lob der Vielfalt, S. 356.

Porträt von Fabian Krämer
Fabian Krämer

Fabian Krämer ist seit 2012 Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der LMU München. Seine 2014 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Doktorarbeit verfasste er in der Neueren / Neuesten Geschichte und der Englischen Literaturgeschichte an der LMU München und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, wo er von 2006 bis 2011 eine Doktorandenstelle innehatte.